Freiräume lassen – Was ich vom Zusammenwohnen gelernt habe

„Ein halbes Jahr ist schon seit ein paar Wochen um und ehe wir uns versehen, wohnen wir schon ein Jahr zusammen“, sage ich. „Ja, ich weiß. Ganz schön aufregend, nicht wahr?“ Er lächelt, ich lege den Kopf schief und schaue auf den Boden. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so gut klappen würde. Ich hätte mit mehr Reibereien gerechnet.“ „Wir bekommen das schon sehr gut hin, mein Schatz“, versichert er und ich weiß, dass er Recht hat.

Gedanken Zusammenziehen Freiräume lassen3

Ich weiß noch genau, wie glücklich ich nach der Wohnungsbesichtigung war. Und überfordert. Eine wunderschöne Altbauwohnung, mit Holzdielen, einem riesigen Badezimmer und Balkon – ein Traum. „Du solltest jetzt mal dein Gesicht sehen. Du grinst bis über beide Ohren“, sagte er. Und dann… haben wir die Wohnung tatsächlich bekommen. Wie in Trance habe ich mich in der Zeit des Umzugs gefühlt: Besorgungen, Streichen, Kisten packen und dann der Tag, an dem ich meinem Kinderzimmer „Tschüss“ sagen musste. Wehmut. Ja, ich gebe es zu.

Wie in Trance. Die ersten Wochen, wo alles ausgepackt wurde, Techniker und Paketdienste ständig klingelten und wir noch ein wenig provisorisch am Campingtisch gegessen haben.

Und irgendwann wurde ich wach. Das Aufregende, Neue wurde zum Alltag, alles nahm Gestalt an und wir hielten inne. Unseren gemeinsamen Rückzugsort haben wir geschaffen und wir waren froh, dass das Einrichten irgendwann ein Ende nahm.

Ich habe gemerkt, dass das Aufwachen mich auch wachgerüttelt hat. So besonders die erste Zeit auch war und wir am liebsten jede Sekunden zusammenverbracht hätten, einfach weil wir jetzt immer beieinander waren, mussten wir lernen mit dem Alltag umzugehen. Ich musste lernen, mich in unserem gemeinsamen Rückzugsort auch alleine zurückzuziehen und mir Zeit zu nehmen – für ein ausgiebiges Bad, für Sport, für meine Lieblingsserie.

Am Anfang hatte ich das Gefühl, dass ich mir nur dann Zeit für mich nehmen konnte, wenn ich alleine war oder er beschäftigt. Es erschien mir absurd, mich in ein anderes Zimmer zu setzen und alleine den Abend zu verbringen. Schließlich wohnten wir doch jetzt zusammen. Aber mir war manchmal danach. Nach und nach fand die Me-Time auch ihren Platz in unserer Wohnung. Denn ich habe gelernt, dass nicht nur ich das brauche.

Wenn wir uns vor dem Umzug getroffen haben, dann haben wir die Zeit ganz bewusst miteinander verbracht. Aber wenn wir dann wieder nach Hause gefahren sind, hatte jeder von uns Zeit, das zu tun, worauf er selber Lust hatte. Keine Kompromisse. Beim Zusammenziehen mussten wir dann lernen, unseren eigenen Interessen nachzugehen, ohne die gemeinsame Zeit zu vernachlässigen. Beim Zusammenziehen liegt die Crux wohl darin, wieder mal einen Kompromiss zu finden. Zwischen den gemütlichen Abende auf der Couch, den Treffen mit Freunden und Familie, spannenden Ausflügen und leckeren Essen, die die Beziehung beleben und eben der Zeit für sich selber. Ich wusste zwar schon immer, dass man sich in einer Beziehung Freiräume lassen muss, aber andersherum sollte man sich auch seine Freiräume nehmen.

Das Zusammenwohnen ist eine Herausforderung, man lernt den Partner noch mal anders kennen aber die Beziehung wächst daran, wenn man reflektiert und respektiert, was einander wichtig ist. „Wir bekommen das schon sehr gut hin, mein Schatz“, versichert er und ich weiß, dass er Recht hat.

Gedanken Zusammenziehen Freiräume

Nadine
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s