Ihre Route wird berechnet

Es ist 20:13. Ich sitze im Zug, bin auf dem Heimweg. Die Formeln aus der letzten Vorlesung schwirren mir noch im Kopf, während sich der Abellio in Bewegung setzt. Musik an, Menschenlärm aus. Wir fahren in den Sonnenuntergang und ich fange an nachzudenken.

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Zu Beginn des Jahres glich alles noch einem ziemlichen Durcheinander. Fast hätte ich verschwitzt, die Bewerbungen für das Masterstudium rechtzeitig rauszuschicken. So etwas passiert mir sonst nie. Die Wartezeit war mehr als stressig. Ängste, Zweifel. Was wenn ich keinen Studienplatz bekomme? Was wenn meine Punkte nicht ausreichen? Möchte ich überhaupt sofort weitermachen? Was wäre, wenn ich erst einmal ein halbes Jahr Vollzeit arbeite?

Ich hatte Angst vor der Entscheidung. Ich hatte Zweifel, ob ich mich richtig entscheide. War das eine Einbahnstraße in Richtung Zukunft?

Die ersten Absagen kamen. Noch mehr Zweifel. Die erste Zusage – will ich das wirklich? Die zweite Zusage – mein Favorit. Ja, ich will das! Ich mache das jetzt. Es erscheint mir dennoch wie ein vorgefertigter Weg. Immer vorwärts gehe ich die Route, die am logischsten, am vernünftigsten erscheint. Kein Abbiegen. In der Spur bleiben. Vollgas geben. Die Anderen in meinem Kurs sind alle älter als ich, haben sich irgendwann einmal eine Auszeit gegönnt, gearbeitet, eine Ausbildung gemacht. Sie sind abgebogen, haben sich vielleicht verfahren, waren tanken. Vielleicht täte mir ein Boxenstop ja auch einmal gut. Warum sollen wir eigentlich so schnell wie möglich auf den Arbeitsmarkt? Regelstudienzeit, Theorien, die wir nie wieder brauchen werden, Arbeiten neben dem Studium, Praktika, Auslandssemester, soziales Engagement, Freizeit, Familie… Persönliche Entwicklung?

Eine Kommilitonin hat mir von ihren Bewerbungen in Unternehmen erzählt. Ursprünglich wollte sie nämlich gar keinen Master machen. Diese wollten einen perfekten Lebenslauf sehen, haben Engagement und Aufopferung verlangt, als wenn Arbeit das Erfüllendste im Leben ist. Jung soll man sein, erfahren, aber kaum Gehalt verlangen. Sie hat keine Stelle bekommen, stattdessen studiert sie jetzt doch noch einmal. Damit die Chancen beim nächsten Mal besser sind.

Ich habe Angst. Zweifel. Dass ich in zwei Jahren da stehe, alles gegeben habe, an meinem perfekten Lebenslauf gearbeitet habe und es dann doch nicht reicht. Dass ich dann doch dastehen werde und alles, wofür ich gearbeitet habe, doch unerreichbar bleibt. Dass auf meiner Route plötzlich eine Vollsperrung auftaucht. Bis hier hin und nicht weiter. Und dann? Was dann? Muss ich dann doch abbiegen?

Der Zug hält am Heimatbahnhof. Ich steige aus.

Nadine
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