Ich zeige dir mein Innerstes

In guten Zeiten lacht man zusammen, da schrieb man sich nachts, wenn man nicht schlafen konnte, lange Liebesnachrichten mit den schnulzigsten Komplimenten, die irgendwie immer noch nicht ausreichend erschienen. Da fühlte man sich wohl beieinander und sah die Welt noch durch die rosarote Brille. Wir waren noch Teenager, gingen zur Schule und die Zukunft machte uns irgendwie noch keine Angst. Jugendlicher Leichtsinn? Vielleicht. Die Unifrage war geklärt. Wir wussten, wo es für uns hingehen sollte. Was war nach dem Bachelor, der ersten Hürde? Keine Ahnung. Das wird sich schon ergeben. Das sind ja noch drei Jahre hin. Die Zukunft war noch vage aber es machte uns keine Angst. Wir waren glücklich, gingen leichtfüßig durchs Leben. Alles schien möglich und wir dachten, wir wüssten, wer wir seien.

Ich zeige dir mein Innerstes_Couple_Hands

Aber wir wussten es nicht. Wir merkten, dass unsere Entscheidungen doch nicht die richtigen waren. Sie waren nicht falsch, wir haben nur gemerkt, dass wir anders sind, als wir gedacht haben. Aber um das einzugestehen, braucht man Mut. Und Stärke.

Wir sind immer noch mehr als glücklich aber die rosarote Brille ist verloren gegangen. Nächtliche Liebesnachrichten habe ich schon lange nicht mehr erhalten oder verschickt. Dafür kommen jetzt andere Nachrichten an. Nachrichten, die noch viel aufrichtiger sind und noch mehr Vertrauen ausstrahlen als irgendeine Schmeichelei. Sie zeigen, was uns am meisten beschäftigt, wovor wir uns wirklich fürchten und welche Selbstzweifel uns plagen. Gedanken, die uns heimtückisch überwältigen, wenn wir versuchen zu schlafen. Das zu teilen, musste ich erst lernen. Aber je wohler ich mich bei ihm gefühlt habe, desto selbstverständlicher wurde es, ihm auch meine schwache Seite zu zeigen. Sorgen, Ängste, Selbstzweifel – sie stülpen unser Innerstes nach außen, sie machen uns verletzlich, menschlich. Wem wir diese zeigen, dem zeigen wir unser wahres Ich. Aber auch ich selber musste zunächst herausfinden, wer dieses mysteriöse Ich ist.

Ich habe manchmal gemerkt, dass ihn etwas beschäftigt. Und er muss gemerkt haben, wenn ich nicht ganz präsent war, sondern in Gedanken ganz woanders. Unsere Gedanken ausgesprochen haben wir beide nicht. Bis der Knoten geplatzt ist. Bis man nicht mehr an sich halten konnte und einfach drauf los schreiben musste, bis man sich sogar getraut hat, diese Gedanken vor dem anderem laut auszusprechen. Und seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Ich drücke auf Senden und schicke damit eine große Last weit weg. Sie verschwindet irgendwo im Internet. Und auch wenn die Unbeschwertheit von damals nicht zurückkommt, merke ich wie das Wohlbehagen wieder kommt. Wir liegen uns in den Armen, halten uns, geben uns Halt. In echt oder in Gedanken. Wir haben uns einander geöffnet. Nicht nur weil wir uns lieben, sondern weil wir uns vertrauen.

Nadine

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2 Gedanken zu “Ich zeige dir mein Innerstes

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